Philosophie und Richtlinien
Philosophie und Richtlinien (pdf)
Mit dem Ziel höchste Qualität zu erreichen, basieren die Richtlinien des Vinatura Labels auf den Grundsätze der Integrierten Produktion, so wie sie von der International Organisation for Biological and Integrated Control definiert worden sind. Sie werden jedes Jahr den neusten Erkenntnissen angepasst und fordern von den Produzenten ständige Weiterbildung. Zu erwähnen ist, dass die verschiedenen Weinbauregionen ergänzende Anforderungen ausarbeiten können, welche den lokalen Besonderheiten der Region angepasst sind. Das Erfüllen der Richtlinien ist Voraussetzung für das Vitiswiss Zertifikat, dem ersten Schritt zur Erlangung des Vinatura® Labels.
Der respektvolle Umgang mit Mensch und Umwelt hört jedoch nicht vor der Kellertür auf! Bevor das Vinatura® Label verliehen wird, muss daher jeder Wein von einer Gruppe erfahrener und neutraler Degustatoren degustiert werden. Ebenso wird der Wein einer umfassenden Analyse unterzogen, um optimale Kelterungspraktiken zu garantieren. Vor allem wird der minimale und umsichtige Einsatz von Sulfiten geprüft, wobei festzustellen ist, dass der maximale Sulfit-Gehalt deutlich unter den Gesetzesnormen liegt. Ferner können nur Jahrgangsweine mit kontrollierter Ursprungsbezeichnung (AOC) das Vinatura® Label erlangen.
Ziele
Die naturnahe und integrierte Produktion verfolgt hauptsächlich folgende Ziele:
- Bevorzugte Anwendung von schonenden, biologischen und biotechnischen Bekämpfungsmethoden unter der vorrangigen Nutzung von natürlichen Ressourcen und Regulationsmechanismen;
- Förderung und Erhaltung einer reichen biologischen Vielfalt im Ökosystem des Weinbaus und seiner Umgebung;
- Langfristige Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und maximale Reduktion der Umweltbelastungen (Wasser, Erde, Luft);
- Schutz der Gesundheit der Produzenten beim Einsatz von Hilfsstoffen; die Produktion von gesundem Traubengut und von Qualitätserzeugnissen mit minimalen Rückständen versichern.
Anforderungen an den Bewirtschafter
Die naturnahe und integrierte Produktion verlangt vom Produzenten eine Aus- und Weiterbildung auf dem neusten Stand sowie eine positive und dynamische Einstellung gegenüber den Zielen der IP.
Um die gesetzten Ziele zu erreichen, muss ein Weinbaubetrieb die vorliegenden Richtlinien auf der Gesamtheit seines Betriebes erfüllen.
Pflanzung der Reben
Wahl des Standortes
Frostgefährdete und schlecht belüftete Lagen sowie staunasse Böden sind zu vermeiden. In Gewässerschutzzonen muss ein genügender Abstand zwischen den Rebstöcken und dem Gewässer eingehalten werden. Alle Massnahmen zur Vermeidung von Umweltbelastungen müssen ergriffen werden.
Wahl der Sorten und Unterlagen
Bei der Wahl der Sorten und der Unterlagen müssen die der Bodenbeschaffenheit am besten angepassten Züchtungen und Klone bevorzugt werden. Nach Möglichkeit soll eine Vielfalt von Klonen angestrebt werden. Zu starke Unterlagen, welche Pilzkrankheiten fördern können, sind zu vermeiden.
Das Pflanzmaterial muss auf die wichtigsten Viruserkrankungen getestet sein. Falls kein zertifiziertes Pflanzmaterial erhältlich ist, wird dasjenige mit dem besten Gesundheitszustand ausgewählt.
Wahl des Erziehungssystems
Bei der Wahl des Erziehungssystems wird demjenigen den Vorzug gegeben, welches die Umsetzung der Ziele der naturnahen und integrierten Produktion am besten ermöglicht.
- Produktion von gesundem Traubengut;
- lange Lebensdauer der Rebstöcke;
- Schutz vor Bodenerosion;
- Reduktion der Faktoren, welche die Entwicklung von Krankheiten und Schädlingen fördern;
- wirkungsvolle Applikation von Pflanzenschutzmitteln mit möglichst wenig Abdrift;
- hohe biologische Vielfalt.
Vorbereitung des Bodens
- Vor jeder Neupflanzung muss eine vollständige Bodenanalyse durchgeführt werden. Diese muss auf jeden Fall Bodenbeschaffenheit, Humusgehalt und die wichtigsten mineralischen Nährstoffe (P, K, Mg) berücksichtigen.
- Die Grund- und Erhaltungsdüngungen werden unter Berücksichtigung der Analyseresultate durchgeführt.
- Falls nötig wird eine Bodensanierung vorgenommen (z.B. Drainage, Sanierung von Problemunkrautbeständen).
- Infektionsquellen für Krankheiten müssen sauber eliminiert werden (Wurzeln alter Stöcke, Holzresten).
- Beim Auftreten von Virus-Infektionen (Reisigkrankheit) oder Nematoden wird empfohlen, die Stöcke vor ihrer Entfernung zu «devitalisieren». Diese Massnahme wird nach Möglichkeit von einer Bracheperiode begleitet. Eine chemische Bodendesinfektion ist nicht erlaubt.
Grossflächige Meliorationsvorhaben müssen bezüglich ihrer Auswirkungen auf Umwelt und Landschaftsbild sowie bezüglich der Erhaltung von wertvollen ökologischen Ausgleichsflächen und dem respektvollen Umgang mit der Topografie geprüft werden.
Düngung
Die Pflanzendüngung beruht auf der Kenntnis der Pflanzenfunktionen, ihrer Bedürfnisse, ihres Verbrauchs sowie der mineralischen und organischen Nährstoffreserven des Bodens.
- Die Düngergabe muss vereinbar sein mit der Produktion von qualitativ hochwertigem Traubengut, einem guten Gesundheitszustand der Reben und der Erhaltung der Fruchtbarkeit des Bodens.
- Die Menge der Düngemittel muss anhand der Bodenanalyse und der Beurteilung der Pflanzen erfolgen (Stickstoff). Der Nährstoffgehalt des Bodens muss regelmässig kontrolliert werden. Stickstoffgaben müssen unter Berücksichtigung des Nährstoffbedarfs der Reben, der Art der Begrünung und der Ausschwemmungsgefahr erfolgen.
- Die vom Ertrag der Rebstöcke abhängigen Düngenormen müssen unter Berücksichtigung des Düngungsplanes und der Düngebilanz angewendet werden. Sie werden von den eidg. Forschungsanstalten publiziert.
- Die Düngung mit organischem Material soll bevorzugt werden. Dünger oder Mittel zur Bodenverbesserung, welche toxische oder umweltgefährdende Stoffe wie Schwermetalle oder pathogene Mikroorganismen enthalten, dürfen nicht verwendet werden.
- Blattdüngungen sollen auf klar definierte Mangelerscheinungen beschränkt werden.
Bodenbewirtschaftung
Mit der Bodenbearbeitung wird versucht, optimale Bedingungen für die Reben zu schaffen, den Boden vor Erosion zu schützen, Bodenverdichtung und Auswaschung von Nährstoffen zu vermeiden sowie die biologische Vielfalt zu fördern.
- Alle geeignete Massnahmen zur Verhinderung der Bodenerosion sollen eingesetzt werden: Begrünung, Bodenbedeckung (Stroh, Kompost, Schnittholz usw.)
- Die Begrünung muss unter Berücksichtigung der folgenden Faktoren eingesetzt werden :- Ertrag und Qualität des Traubengutes
- Gefahr der Erosion und der Bodenverdichtung
- Niederschlagsmenge und Wasserrückhaltevermögen des Bodens
- Erziehungssystem und Alter der Rebstöcke
- Reduktion des Herbizideinsatzes
- Erhalt der biologischen Vielfalt
Die Begrünung des Bodens im Winter soll bevorzugt werden, um Nährstoffverluste durch Auswaschung und Wintererosion zu verhindern.
- Herbizide dürfen nur dort, wo es absolut notwendig ist, eingesetzt werden. Leicht abbaubare Produkte werden bevorzugt. Ihr Einsatz wird saisonal begrenzt (z.B. Frühling-Sommer) unter Berücksichtigung des Erziehungssystems. Wenn immer möglich, soll der Einsatz von Herbiziden ersetzt werden durch mechanische Unkrautbekämpfung, Mulchen oder Bodenbegrünung.
Bewässerung
Die Bewässerung ist dem Bedarf anzupassen. Übermässige Bewässerung kann zur Auswaschung von Nährstoffen führen. Die benötigten Wassermengen können aufgrund des Bodenwasserdefizites und des Wasserrückhaltevermögens abgeschätzt werden.
Die Bewässerung beschränkt sich in der Regel auf sehr trockene Gebiete, Anlagen mit wenig Bodenmächtigkeit oder auf Junganlagen. Prinzipiell darf keine Bewässerung während der Reifezeit der Trauben erfolgen.
Stockplfege
Rebstöcke sind so zu schneiden und zu erziehen, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Blattmasse und Traubenproduktion erzielt wird. Die Laubarbeiten sollen vor allem eine gute Durchlüftung und Besonnung der Traubenzone sowie eine gute Durchdringung der Spritzbrühe ermöglichen. Die Laubarbeiten sind eine wichtige vorbeugende Massnahme.
Pflanzenschutz
Der Pflanzenschutz hat zum Ziel, die Rebe wirksam gegen Schädlinge und Krankheiten zu schützen und dabei so gut wie möglich Rücksicht auf die Umwelt zu nehmen. Es müssen alle vorbeugenden Massnahmen angewendet werden, bevor direkte Bekämpfungsmassnahmen zum Einsatz gelangen. Beim Entscheid für eine direkte Bekämpfungsmassnahme müssen Schadschwellen, Befallskontrollen und die von den offiziellen Warndiensten bereitgestellten Informationen berücksichtigt werden.
Vorbeugende Massnahmen
Die folgenden vorbeugenden Massnahmen stellen eine wertvolle Hilfe zum Schutz des Rebberges dar:
- der Lage angepasste Sorten und Klone ;
- geeignetes Erziehungssystem für einen effizienten Pflanzenschutz;
- geeignete Kulturmassnahmen zur Reduktion des Schädlings- und Krankheitsdrucks (ausgewogene Düngung, Bewässerung, Laubarbeiten usw.)
- Bodenpflege (Begrünung, Zeitpunkt der Bodenbearbeitung usw.) ;
- Erhaltung der Nützlinge.
Befallskontrollen
Das Auftreten von Schädlingen und Krankheiten muss regelmässig überprüft werden. Dabei werden festgelegte Erhebungsmethoden und Toleranzgrenzen angewendet. Prognosemodelle und offizielle Warndienste müssen berücksichtigt werden.
Auswahl der Pflanzenschutzmittel
Es sind Pflanzenschutzmittel zu wählen, welche für den Menschen und die Umwelt unbedenklich sind und doch einen wirksamen Schutz gegen Schädlinge, Krankheiten oder Unkräuter bieten. Schonende, biologische oder biotechnische Bekämpfungsmethoden sollen bevorzugt werden. Folgende Kriterien müssen beim Pflanzenschutz berücksichtigt werden: Rückstände, Weinbereitung, unbeabsichtigte Auswirkungen auf Nützlinge, Bienentoxizität, Risiko der Resistenzbildung und die Verschmutzung von Wasser und Boden. Die Wahl der Pflanzenschutzmittel erfolgt aufgrund einer Liste, welche jährlich von der VITISWISS erstellt wird. Diese Liste beinhaltet genaue Angaben über die anzuwendende Dosierung unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes der Reben, der toxischen Wirkung der Produkte auf Nützlinge sowie ihrer Wirksamkeit.
Applikationstechnik
Die Applikationstechnik, die Wahl der Geräte und die Wetterverhältnisse müssen eine optimale und gezielte Verteilung der Pflanzenschutzmittel gewährleisten und gleichzeitig den Anwender und die Umwelt schützen. Pflanzenschutzgeräte müssen regelmässig durch eine berechtigte Stelle eingestellt und kontrolliert werden. Die Dosierung der Produkte richtet sich nach dem Wachstum der Reben, dem Erziehungssystem und dem verwendeten Gerät. Beim Kauf eines neuen Gerätes muss besonders auf die Qualität der Ausstattung geachtet werden (Düsen, Pumpe, Qualität der Zerstäubung usw.)
Lagerung und Handhabung der Pflanzenschutzmittel
Bei der Lagerung, der Zubereitung und der Entsorgung von Verpackungen und Rückständen müssen die offiziellen Vorschriften und Empfehlungen besonders in folgenden Punkten beachtet werden:
- Lagerung
- Entsorgung der Spritzmittelreste
- Schutz des Anwenders
Umgebung und biologische Vielfalt
Der Weinberg und seine unmittelbare Umgebung stellen einen wichtigen Lebensraum für viele Tierarten dar, darunter auch wertvolle Nützlinge (Raumilben, Räuber, Spinnen, Laufkäfer, Eidechsen usw.) und verschiedene Pflanzenarten. Diese sehr unterschiedlichen Biotope (Steppe, Trockenwiesen, Steinböschungen, Mauern usw.) sind ebenfalls fester Bestandteil der Weinbaulandschaft. Erhaltung und Pflege dieser Landschaftsformen sind Teil einer respektvollen und umweltfreundlichen Weinbaukultur. Spezielle Aufmerksamkeit ist der Pflege von bestehenden Biotopen sowie der Schaffung neuer Zonen mit einer reichen biologischen Vielfalt zu schenken.